Vom Täufer und der Titanic

Als ich von unserem Blog-Projekt erzählt wurde ich gefragt, mit welcher biblischen Figur ich mich als zukünftiger Blogger am ehesten identifizieren würde. Ich musste nicht lange überlegen, denn vor meinem geistigen Auge stand sofort ein Mann im struppigen Kamelhaarmantel mit einem breiten Ledergürtel, der sich gerade eine in Honig getränkte Heuschrecke in den Mund schob: Johannes der Täufer.

Johannes, der Bußprediger

Johannes lebte vor 2.000 Jahren im heutigen Israel und anders als viele andere Prediger seiner Zeit redete er den Menschen nicht nach dem Mund, sondern sprach Missstände offen und unmissverständlich an. In dem Punkt ist es mir sympathisch, denn weichgespülte Wohlfühl-Literatur für Christen gibt es genug. Johannes taufte die Menschen am Fluss Jordan und rief sie dazu auf, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren.  Diesem Vorbild möchte ich mit meinen Beiträgen zum Blog folgen, indem ich uns (und mich an erster Stelle) selbstkritisch hinterfrage. Johannes legte den Finger in die Wunden der Zeit und forderte eine Verhaltensänderung.

In der Bibel wird eine solche Verhaltensänderung aufgrund einer neu erkannten Einsicht als „Buße“ beschrieben. Für einen Blogger das eine schlechte Voraussetzung, denn Bußprediger waren noch nie sonderlich beliebt: ihre Botschaft schmeichelt nicht den Mächtigen, die Wahrheit hinter ihren Worten ist in unseren demokratischen Zeiten meist nicht mehrheitstauglich und ihre Anliegen können den Zuhörern eine unverschämte Zumutung sein.

Dennoch möchte ich das weitergeben, was Gott mir aufs Herz gelegt hat. Dabei kann ich nicht den Anspruch erheben, die absolute Wahrheit oder letzte Erkenntnis bereits gefunden zu haben. Ich lade Dich vielmehr ein, mich auf eine Reise zu begleiten, auf der ich mich selbst seit einiger Zeit befinde – und deren Ziel noch völlig offen ist.

Zurück in die Zukunft

Zur Beschreibung des Ausgangspunktes meiner Reise habe ich mich gefragt, mit welchem Bild ich unsere Generation vergleichen kann, so wie Jesus in Matthäus 11 tat: „Mit wem soll ich die Menschen dieser Generation vergleichen?“  Vermutlich sind wir heute die Menschen mit der meisten kollektiven Erfahrung, den meisten hochqualifizierten Akademikern und dem meisten verfügbaren Wissen. Könnten wir eine Zeitmaschine entwickeln, würde ich mit Dir einen einen Abstecher machen zu jenem Mittwoch, den 10. April 1912.

Wir würden im Hafen von Southampton stehen und alles dafür geben, einen Platz an Bord dieses neuen königlichen Postschiffes zu ergattern. Ein Wunderwerk der Technik, das mit seinen Superlativen neue Maßstäbe setzt! Ein schwimmendes Luxushotel, das in ungeahnte Dimensionen vorstößt und die neue Welt in Rekordzeit erreichen würde! Das größte und modernste Schiff der Welt: die RMS Titanic.  

Tatsächlich haben wir Glück und ergattern ein Ticket für die Überfahrt nach New York in einer der 762 Kabinen. Als Zeitreisende wissen wir natürlich um das tragische Ende der Jungfernfahrt, doch verbleiben uns knappe vier Tage bis zum Untergang. Und so stürzen wir uns begeistert in den Luxus und Charme des frühen 20. Jahrhunderts.

Vier Tage auf See

Tag 1

Wir flanieren im prunkvollen Treppenhaus, das sich über 6 der 7 Stockwerke erstreckt. Das Licht strahlt durch eine riesige Glaskuppel und sorgt zusammen mit der Eichenvertäfelung für einen goldenen Glanz.

Tag 2

Vom Fitnessprogramm im beheizten Schwimmbad, der Squash-Anlage und im Gymnastikraum erholen wir uns im türkischen Bad.

Tag 3

Wir lesen in der Bibliothek und statten dem Rauchersalon einen Besuch ab, bevor wir uns dem Essen widmen.

Tag 4

Der romantischen Atmosphäre in den Bordcafés im Pariser Stil folgen rauschende Bälle mit der Bordkapelle bis weit nach Sonnenuntergang.

Weil das Leben an Bord der Titanic so aufregend und angenehm ist, verdrängen wir mehr und mehr jenen schicksalhaften Termin, den unser schwimmendes Zuhause um 23.40h jenes 13. April 1912 haben wird. Doch die Uhr tickt und die Titanic steuert mit voller Fahrt auf den Eisberg zu. Sind wir zu bequem, unseren Platz zu verlassen und den Kapitän auf der Brücke zu warnen? Vielleicht würde er uns mit unserer Geschichte der Zeitreise auch als Spinner abtun? Schließlich ist die Titanic doch auf Unsinkbarkeit hin konstruiert.

So bleiben wir lieber an Deck und spüren die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs auf unserer Haut. Die Nacht wird sternenklar werden und das Meer ruhig sein. Die Band beginnt in der imposanten Eingangshalle zu spielen. Draußen an Deck ist es kalt, als die aufgeregten Schreie zweier frierenden Matrosen im Ausguck wie eine Posaune an unser Ohr peitschen: „Eisberg voraus!“

Nur 160 Minuten später versinkt das unsinkbare Wunderwerk der Technik im Meer. Wer es nicht in ein Rettungsbot geschafft hat, wird zwar von der Rettungsweste über Wasser gehalten, doch bei einer Wassertemperatur nur knapp über dem Gefrierpunkt verstummen immer mehr der Hilferufe, bis eine gespenstische Stille über dem dunklen Meer liegt.

Eisberg voraus

Wenn ich unsere Generation betrachte, kommt es mir so vor, als wären wir alle an Bord der Titanic. Wir haben das Wissen, dass die Welt, so wie wir sie kennen, kurz vor der Katastrophe steht. Doch anstatt den Kurs zu ändern oder das sinkende Schiff zu verlassen nörgeln wir höchstens über die Qualität des Essen oder kritisieren die Liedauswahl der Schiffskapelle.

Wir leben weiter ohne Rücksicht auf Verluste und genießen den Luxus so gut es geht, ohne nach den Auswirkungen unseres Handelns zu fragen: egal ob in der Luxusklasse, in der zweiten Mittelschicht oder in der Bretterklasse unserer Gesellschaft.

Wider besseres Wissen lassen wir uns von den Mächtigen die Unsinkbarkeit unseres Finanz- und Wirtschaftssystems vorgaukeln. Anstatt uns den für unsere Zukunft entscheidenden Fragen zu stellen und unser eigenes Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen, verlassen wir uns blind auf die Wunder der Technik und verschließen unsere Augen vor den Folgen unseres Handelns. Wir stehen an Deck und sehen in den letzten Sonnenuntergang der Titanic, die uns in eine neue und bessere Welt bringen möchte.

Johannes der Täufer wird in Matthäus 3,3 „Stimme eines Rufenden“ genannt. Der Autor zitiert dabei aus dem alttestamentlichen Propheten Jesaja (40,3). Dort wird im weiteren Verlauf der Auftrag des Rufenden beschrieben (Jesaja 58,1-7):

Rufe, so laut du kannst! Lass deine Stimme erschallen wie eine Posaune! Halte meinem Volk … ihr Unrecht und ihre Vergehen vor! … Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!“

Leinen los

In meinen Beiträgen zum Blog möchte ich für Eisberge sensibel machen, die auf unseren Konsumrouten liegen und auf die wir mit maximaler Lebensgeschwindigkeit zusteuern. Wie Johannes der Täufer vor 2.000 Jahren möchte ich den Lebensstil unserer Zeit selbstkritisch hinterfragen, auf Missstände hinweisen und bisher für den einen oder anderen verborgene Zusammenhänge aufdecken. Vielleicht wird dabei die eine oder andere Lebenslüge ins Wanken geraten, der wir bisher gefolgt sind.

Wenn ich den Finger in die Wunde lege, dann nur aus diesem einen Grund: „Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alles das fort, was unserer Beziehung zu Jesus im Wege steht!“ (Mk. 1,3). Nun danke ich Dir, dass Du bis hierher gelesen und den Blog noch nicht über Bord geworfen hast: Dir gehört mein Respekt für Deinen Mut. Denn aus vielen Rückmeldungen weiß ich, dass unser Blog die Sprengkraft des Wortes Gottes zünden und Dein Leben verändern kann.

Also: Leinen los, wir machen uns auf die Reise…